Am Mittwoch ist in den Niederlanden wieder Buitenspeeldag, der nationale ‚Draußenspieltag‘, der Kinder dazu anregen soll, mehr draußen zu spielen. Die Zahl der Kinder, die draußen spielen, sinkt seit Jahren; 15 Prozent der niederländischen Kinder tun es sogar nie mehr. Warum ist es so wichtig, dass sie es doch tun? Und was sind die Folgen für die, die es nicht tun?
Die niederländische Organisation Jantje Beton wurde Ende der Sechzigerjahre gegründet, weil es damals in den Niederlanden zu wenig Einrichtungen für Kinder gab. In diesen Jahren entstanden viele neue Viertel voller Betonwohnblocks; Spielplätze für Kinder drohten in den neuen Wohngebieten zu verschwinden oder vergessen zu werden.
Diese Sorgen bestehen ein halbes Jahrhundert später immer noch, vor allem im dicht bebauten Westen des Landes. Aber es ist ein neues Problem hinzugekommen: Die Zahl der Kinder, die draußen spielen, sinkt seit Jahren. Jedes siebte niederländische Kind spielt 2019 sogar überhaupt nicht mehr draußen. Die durchschnittliche Draußenspielzeit eines niederländischen Kindes liegt jetzt bei 8,4 Stunden pro Woche.
Neue Untersuchungen zeigen, dass der Einfluss der Eltern darauf, ob Kinder draußen spielen, nicht zu unterschätzen ist. Vor allem Eltern aus der höchsten sozialen Schicht sind ein schlechtes Vorbild; sie verbringen selbst kaum Zeit an der frischen Luft.
„Eltern sind beschäftigt und haben keine Zeit mehr, mit ihren Kindern nach draußen zu gehen oder zu spielen“, sagt Dave Ensberg-Kleijkers, Direktor von Jantje Beton. „Kinder folgen ihren Eltern; das sieht man zum Beispiel auch bei der Smartphone-Nutzung. Wenn Erwachsene sich selbst keine Zeit nehmen, um zu entspannen und Zeit draußen zu verbringen, tun ihre Söhne und Töchter das auch weniger. Stattdessen sitzen sie dann eben drinnen und spielen.“
Erwachsene sollten bewusstere Absprachen mit ihren Kindern treffen, fordert Jantje Beton. „Man kann zum Beispiel sagen, dass einer Stunde drinnen spielen eine Stunde draußen spielen gegenüberstehen sollte“, nennt Direktor Ensberg-Kleijkers als Beispiel. Augenärzte empfehlen sogar zwanzig Minuten Bildschirm, zwanzig Sekunden in die Ferne schauen und zwei Stunden draußen spielen.
Ein zusätzliches Problem ist allerdings, dass auffallend viele Eltern sich Sorgen um die Sicherheit der Umgebung zum Draußenspielen machen und ihre Kinder deshalb lieber drinnen behalten. „Teilweise sind manche Eltern, vor allem in den Großstädten, übertrieben fürsorglich geworden. Gleichzeitig ist das aber ein Signal, das die Regierung und vor allem die Gemeinden sehr ernst nehmen müssen.“
„Sport und Spiel sind evolutionär gesehen natürlich etwas Seltsames; von Natur aus hat sich der Mensch angewöhnt, so effizient wie möglich zu sein“
Martin Pet, Right to Play
Kindergehirne sind in voller Entwicklung
Gesundheitscoach Martin Pet von der Vitalitätsagentur Lifeguard ist Botschafter von Right to Play. Der norwegische Eisschnelllauf-Champion Johann Olav Koss gründete diese internationale Organisation vor fünfzehn Jahren, um die Gesundheit von Kindern weltweit mit Sport und Spiel an der frischen Luft zu fördern.
„Gaming und eigentlich alles, was man auf dem Smartphone machen kann, spricht das Prinzip der ‚Instant Gratification‘ an, also der schnellen Belohnung“, erklärt er. „Wenn du ein Spiel spielst und gewinnst, fühlst du dich in dem Moment kurz gut und spielst noch eine Runde, um diesen Kick noch einmal zu bekommen.“
Draußenspielen bringt weniger schnell Befriedigung; man muss seine eigene Kreativität einsetzen und sich anstrengen, um Spaß zu haben. „Aber die Wirkung des Draußenspielens ist letztlich viel nachhaltiger. Bewegung, gerade an der frischen Luft, hat so viele Effekte für Gehirn und Körper. Wenn wir nur stillsitzen würden, würde unsere Gesundheit in jeder Hinsicht abbauen.“
Das gilt natürlich auch für Erwachsene, bestätigt Pet. „Aber das Gehirn eines heranwachsenden Kindes ist in voller Entwicklung und muss sich entfalten“, erklärt der Gesundheitscoach. „Beim Draußenspielen lernt man zum Beispiel, wie sozialer Umgang genau funktioniert. Das ist Wissen, von dem man sein ganzes Leben profitiert. Und auch wenn der Name etwas anderes vermuten lässt: Dieses Wissen bekommen Kinder in sozialen Medien nicht wirklich mit.“
‚Evolutionär gesehen ist mehr Bewegung seltsam‘
Auch der Botschafter von Right to Play bestätigt, dass die Eltern hier eine wichtige Rolle übernehmen sollten. Er räumt aber auch ein, dass es schwierig sein kann, diese Hürde zu nehmen. „Sport und Spiel sind evolutionär gesehen natürlich etwas Seltsames; von Natur aus hat sich der Mensch angewöhnt, so effizient wie möglich zu sein. Das ist logisch, wenn man zum Überleben Tieren hinterherrennen und das Land bestellen muss. Aber durch all die Bequemlichkeit sind wir ins andere Extrem verfallen; unterm Strich macht uns unsere Effizienz jetzt dümmer und fauler.“
Renate de Groot, Professorin für Biopsychologie an der Open Universiteit, erforscht seit Langem den Zusammenhang zwischen Bewegung und deren Wirkung auf die Entwicklung von Kindern. „Wir sehen, dass die Bewegung vor allem abnimmt, wenn Kinder von der Grundschule auf die weiterführende Schule wechseln“, erklärt sie. „Dieser Trend bringt alle möglichen Gesundheitsrisiken mit sich. Einen großen Einfluss hat Bewegungsmangel aber auf die Entwicklung der kognitiven Funktionen. Wenn diese Entwicklung zurückbleibt, kann ein Kind die Folgen ein Leben lang spüren – angefangen bei den Schulleistungen.“
Draußenspielen fördert die Rechenfähigkeiten
Das Prinzip ist ziemlich einfach, erklärt sie. „Dein Gehirn funktioniert besser, wenn mehr Blut und gesunde Nährstoffe durch deinen Körper gepumpt werden, was eine der Folgen von Bewegung ist.“ Das gilt übrigens genauso für ältere Menschen; in den letzten Jahren wird immer öfter gezeigt, dass mehr Bewegung zum Beispiel dem Abbau des Gehirns im Alter entgegenwirkt.
„Bei Kindern wirkt sich Bewegung vor allem auf die Entwicklung des präfrontalen Kortex aus, wo vor allem die exekutiven Funktionen gesteuert werden“, so De Groot. „Dabei muss man an Planen und Organisieren denken. Auch die Rechenfähigkeiten werden in diesem Teil des Gehirns gesteuert.“
Die Professorin betont, genau wie Pet, dass es auch den sozialen Fähigkeiten eines Kindes zugutekommt, wenn es sich draußen bewegt. „Man sammelt unbewusst so viele Erfahrungen, wenn man auf der Straße spielt“, sagt sie. „Man wird sich seiner Umgebung viel bewusster und lernt, Reize aktiver wahrzunehmen. Das ist zum Beispiel ein wichtiger Unterschied zur Bewegung im Fitnessstudio oder auf einer Laufbahn.“
Die Wissenschaftlerin versteht ehrlich gesagt nicht, warum Eltern nicht erkennen, wie viele Chancen das Draußenspielen Kindern bietet. „Es ist ein Window of Opportunity; mit relativ wenig Aufwand kann man einen großen positiven Einfluss auf das restliche Leben seiner Kinder ausüben.“
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